Axolotl Roadkill
Helene Hegemann ist erst 17 Jahre alt. Ihr Lebenslauf liest sich, als wäre sie schon weit über 30. Sie kann bereits auf das Theaterstück „Ariel 15” zurückblicken, das im Ballhaus Ost aufgeführt und als Hörspiel adaptiert wurde, war Drehbuchautorin und Regisseurin des Films „Torpedo”, der es letzten Sommer in die deutschen Kinos geschafft hat und hat im Episodenfilm „Deutschland 09” als Schauspielerin mitgewirkt.
Mit „Axolotl Roadkill” ist im Ullstein Verlag jetzt ihr erstes Buch erschienen. Darin geht es um die 16 jährige Mifti, die bei Ihren wohlstandsverwahrlosten Halbgeschwistern lebt, seit ihre Mutter gestorben ist. Mifti nimmt Drogen und streift durch die alternative Berliner Partyszene, statt in die Schule zu gehen. Nach eigener Aussage durchläuft sie gerade eine extrem negative Entwicklung.
Ich hatte die knapp 200 Seiten des Buches in nicht mal vier Tagen durch. Nicht jedoch, weil das Buch so fesselnd war, sondern weil ich immer auf den Sinn des Buches gewartet habe und unbedingt wissen wollte, ob sich noch so etwas wie eine klassische Handlung einstellt. Während man liest, weiß man nie so recht, ob das, was Helene Hegemann gerade beschreibt, wirklich passiert oder nur eine Wahnvorstellung in Miftis Phantasie ist.
Auch wenn mir ein Ziel und ein tieferer (zumindest für mich verständlicher) Sinn gefehlt hat, so wird das Buch nicht langweilig, da es einen plötzlich mit scharfen Beobachtungen und ebenso scharf gezeichneten Szenen oder Dialogen überrascht:
Er erklärt mir, dass der Song Hey hey, my my die Verbindung zwischen Altrock und Punk darstellt und es nach allgemeingültigen Standards als absolut hinterwäldlerisch gilt, dem Wort >Techno< das Wort >Kultur< anzuhängen und das Ganze mit einer sich als alternativ betrachtenden Jugendbewegung in Verbindung zu bringen, anstatt mit Prolldiskotheken für Besserverdienende. Ecstasy, Techno und sich selbst als eine Grenzen sprengende Übereinkunft zu betrachten sei Neunziger, so wie Koksen Achtziger sei und so wie gelocktes Haar das neue glatte Haar ist.
Ich habe in diesem Buch Kombinationen von Wörtern und Bildern gelesen, die ich noch in keinem anderen Buch vorgefunden habe und die ich einer 17 jährigen nicht zugetraut hätte. Leider treibt Helene Hegemann das manchmal so auf die Spitze, dass das Buch stellenweise fast nicht mehr lesbar ist.
Wer Philip Roth liest, oder auch Freude am Tod des Bunny Munro hatte, dem kann ich Axolotl Roadkill empfehlen. Wer eher auf eine klare und lineare Handlung und Entspannung beim Lesen aus ist, der sollte wohl besser die Finger davon lassen.
Eines ist für mich bei diesem Buch sehr positiv: Ich weiß bis heute nicht, ob ich die Finger davon hätte lassen sollen, oder nicht.
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vor 1 Jahr
siehe auch: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,676490,00.html